Newsletter


Name:

E-Mail:


PDFDruckenE-Mail

Rezension

Sven Bernhard Gareis / Johannes Varwick:
Die Vereinten Nationen. Aufgaben, Instrumente und Reformen
(5. Auflage 2014)

Von Helmut Volger

 

Das Lehr- und Studienbuch der beiden Politikwissenschaftler Sven Bernhard Gareis und Johannes Varwick „Die Vereinten Nationen: Aufgaben, Instrumente und Reformen“, dessen erste Auflage im Jahr 2002 herauskam, hat sich zu einem Standardwerk mit großer Leserschaft entwickelt: Es wurde 2002 in einer zweiten, aktualisierten Auflage und danach 2003 und 2006 in weiteren, überarbeiteten Auflagen veröffentlicht.

Das große Interesse und die Wertschätzung seiner Leser verdankt das Buch zweifellos seiner Stärke: Es vermittelt einen knappen, jedoch umfassenden Überblick über das Thema Vereinte Nationen. Seine Autoren schildern in einer verständlichen, prägnanten Sprache die völkerrechtlichen Grundlagen und die Aufgaben, Strukturen und Probleme der Vereinten Nationen und erörtern die Konzepte für die Reform der Weltorganisation.

Nun ist das Standardwerk Anfang 2014 in einer überarbeiteten fünften Auflage veröffentlicht worden. Für den Rezensenten ist es interessant festzustellen, welche neuen Entwicklungen die Autoren aus dem Zeitraum zwischen vierter und fünfter Auflage in der neuen Auflage thematisiert haben, d.h. wie sich die Veränderungen in den politischen Konzepten und der Wandel von Strukturen in diesem Zeitraum in der neuen Auflage widerspiegeln: Das Lehr- und Studienbuch wird so betrachtet zum Maßstab für relevante aktuelle Entwicklungen in den Vereinten Nationen.

Ich werde deshalb im Folgenden den Aufbau und Inhalt des Buches nur kursorisch darstellen und mich dann mit den Themen und Aspekten beschäftigen, welche die Autoren in dieser Auflage neu eingefügt haben.

Das Buch beginnt mit einem einführenden Kapitel, das die Geschichte der UNO, die Strukturen der UN-Charta, die Institutionen und ihre Kompetenzen sowie Fragen der Finanzierung und die Rolle von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) erörtert. Es folgt ein Kapitel, das sich mit dem theoretischen Bezugsrahmen für die Analyse der Vereinten Nationen, d.h. mit den wichtigsten Theoriesystemen im Bereich „Internationale Beziehungen“ befasst. Dann folgen drei Kapitel, die sich mit der praktischen Arbeit der Vereinten Nationen in der Friedenssicherung, im Menschenrechtsschutz und in den Bereichen Weltwirtschaft, Entwicklung und Umwelt beschäftigen. Abgeschlossen wird das Buch durch ein Kapitel über Reformen und über den Stellenwert der Weltorganisation im Geflecht der internationalen Beziehungen. Abgerundet wird das Werk im Anhang durch Diskussionsfragen und Lektüreempfehlungen zu den einzelnen Kapiteln, Informationsmaterial (u.a. die UN-Charta und die UN-Mitgliedstaaten), ein Sachregister, ein Abkürzungsverzeichnis und ein Verzeichnis der in dem Buch verwendeten Quellen und der Sekundärliteratur.

Die Autoren versprechen im Vorwort zur neuen Auflage, das Buch solle „in die zentralen Tätigkeitsfelder der Vereinten Nationen einführen, ihre Reformperspektiven bewerten und die Rolle der Weltorganisation in der internationalen Politik diskutieren“ (S. 7). Diesem Anspruch werden sie gerecht, das Buch ist ein gut lesbares, interessantes Kompendium der Vereinten Nationen, es informiert den Leser nicht nur über die Aufgaben und Kompetenzen der Weltorganisation, ihre Erfolge und ihre Probleme, sondern auch über die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit, vor allem, was die Politik der UN-Mitgliedstaaten angeht.

Daneben ist das Buch ein guter Indikator für die aktuellen Herausforderungen für und Wandlungsprozesse in der Weltorganisation:
- In der UN-Friedenssicherung hat das vertiefte Verständnis für die Gefährdungen der Sicherheit und des Friedens durch globale Probleme und massive Menschenrechtsverletzungen zu neuen, zunehmend multidimensionalen Konzepten für Friedensoperationen geführt, zu einem umfassenderen Sicherheitsbegriff, zum Konzept der Schutzverantwortung (Responsibility to Protect) und zur Schaffung der Kommission zur Friedenskonsolidierung (Peacebulding Commission).
- Im Menschenrechtsschutz ist die Schaffung des UN-Menschenrechtsrats, der 2006 die UN-Menschenrechtskommission abgelöst hat, die wichtigste neue Entwicklung, die die Autoren erörtern. In ihrer Zwischenbilanz seiner bisherigen Arbeit weisen Gareis und Varwick darauf hin, dass das neue Verfahren des Universal Peer Review, bei dem regelmäßig alle UN-Mitgliedstaaten dem Menschenrechtsrat über den Stand der Implementierung der von ihnen völkerrechtlich akzeptierten Menschenrechtsnormen berichten und sich der Diskussion stellen müssen, den politischen Druck in Richtung auf mehr Menschenrechtsschutz effektiv erhöht hat.
- Das Kapitel über Reformen in der Weltorganisation macht deutlich, dass in wichtigen Bereichen Reformbemühungen bisher nicht erfolgreich waren: Die Reform des Sicherheitsrats hat trotz vielfältiger Bemühungen vor und während des UN-Weltgipfels 2005 sowie in den Jahren danach keine Fortschritte gemacht. Auch hat die Reform der UN-Friedenssicherung bisher wenig konkrete Ergebnisse gebracht ebenso wie die Bemühungen, in der UN-Entwicklungspolitik mehr Kohärenz zu erreichen.
- Besonders interessant sind die Anmerkungen der Autoren zu den Entwicklungen in den internationalen Beziehungen und der Rolle der UNO: Sie konstatieren einen neuen Multilateralismus, der sich durch lockere Formen von Ad-hoc-Koalitionen und informelle Netzwerke auszeichnet (S. 348), die sie als „Clubs“ bezeichnen und von „Club Governance“ sprechen, repräsentiert z.B. durch die G7, G8 und G20 sowie andere Formate von Staatengruppierungen. Gareis und Varwick sehen zwar Vorteile bei solchen „Clubs“, was die Effektivität und die Mobilisierung von Ressourcen angeht, jedoch gravierende Nachteile in Bezug auf die Legitimität im Vergleich zu den Vereinten Nationen. Für die Autoren bleibt offen, welche Auswirkungen diese Veränderungen in den internationalen Beziehungen auf die Vereinten Nationen haben werden.

Als Fazit ihres Buches konstatieren die Autoren, dass „trotz aller gegenläufigen Trends der internationalen Politik“ die Vereinten Nationen es in den vergangenen Jahren geschafft haben, dass die „zentralen Bestimmungen und Normen der Charta Referenzpunkt geworden sind“, sodass sich selbst große Mächte dem politischen Druck bei Normverletzungen kaum entziehen können (S. 357). In dem „Geflecht multilateraler Regime und Organisationen spielen die Vereinten Nationen ... eine herausragende Rolle“ (S. 358).

Mit ihrem Buch haben Gareis und Varwick überzeugende Belege für diese Aussage über die Bedeutung der Weltorganisation geliefert und gezeigt, dass man die Ergebnisse der UN-Forschung und die Kontroversen in der UN-Politik verständlich und interessant darstellen kann.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich für die Vereinten Nationen interessieren.


Dr. Helmut Volger

[PDF]

Bibliographische Angaben:
Sven Bernhard Gareis / Johannes Varwick
Die Vereinten Nationen: Aufgaben, Instrumente und Reformen
UTB-Band 8328
5. vollst. überarb. u. aktual. Auflage, Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich 2014
ISBN 978-3-8252-8573-9
428 S.; 19,99 €


<<< zurück